Neujahrsansprache von Ministerpräsident Olaf Lies
Ministerpräsident Olaf Lies blickt auf "herausfordernde Zeiten" - und ruft zu Respekt, Mut und Zusammenhalt auf.
Liebe Niedersächsinnen, liebe Niedersachsen,
jeder Jahreswechsel ist ein Moment, innezuhalten. Wir blicken auf Monate zurück, die viel abverlangt haben – im Großen wie im Kleinen. Es war ein Jahr der starken Kontraste: erschütternde Schlagzeilen und gleichzeitig unzählige leise, gute Geschichten aus Nachbarschaften, Betrieben, Vereinen, Schulen. Überall dort, wo Menschen füreinander da sind, wächst Zuversicht.
Ja. Die Zeiten sind herausfordernd. Die weltpolitische Lage ist angespannt: Kriege, Terror und Machtkonflikte bedrohen unsere Sicherheit und unsere Wirtschaft. Lieferketten, Preise, Planungssicherheit, unsere Art zu Leben – vieles ist in Bewegung.
Und auch hier bei uns in Deutschland spüren wir, dass derzeit nicht alles rund läuft. Unsere Wirtschaft springt noch nicht wieder an. Die Bundesagentur für Arbeit warnt dieser Tage vor einer längeren Stagnation am Arbeitsmarkt. Viele machen sich Sorgen. Wie sicher ist mein Job? Wie gut kommen wir im kommenden Jahr über die Runden? Was bedeutet das für unsere ganz persönliche Zukunft?
Daraus erwächst Unzufriedenheit und wir erleben eine wachsende Polarisierung in einigen Teilen unserer Gesellschaft. Extreme Stimmen werden lauter, soziale Medien beschleunigen die Aufregung, Desinformation vernebelt die Sicht. All das kann müde machen – oder mutig, etwas zu ändern. Es liegt an uns, welchen Weg wir wählen.
Lassen Sie uns den mutigen Weg zusammen gehen.
Unser Wertekompass bleibt klar: Wir kämpfen für Demokratie und Rechtsstaat, wir schützen die Würde jedes Menschen, wir haben Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen. Diese Grundlagen sind keine Selbstläufer. Sie brauchen Haltung und Engagement – und sie brauchen uns alle. Wir werden einander nicht in allem zustimmen. Aber wir sollten wieder mehr zuhören, bevor wir urteilen. Wir können Streit in der Sache führen – fest in der Position, aber fair im Ton. Der Geist, der uns leiten soll, heißt: Zusammenhalt statt Spaltung.
Zusammenhalt entsteht nicht am Rednerpult oder durch ein Posting auf Social Media. Zusammenhalt entsteht im Alltag. Er entsteht in der Pflege, wenn Schichten getauscht werden, um der Kollegin oder dem Kollegen zu helfen. In der Schule, wenn Lehrkräfte Türen öffnen und die Neugier von Kindern neu entfachen. Bei Feuerwehr, Rettungsdiensten und Polizei, die ausrücken, wenn andere Schutz und Hilfe brauchen. In Handwerk, Forschung, Kultur und Unternehmen, die aus Ideen Arbeit und Sinn schaffen. Im Ehrenamt, im Sport, in den Chören, bei Initiativen, die Nachbarschaft lebendig machen. Diesen Menschen gilt heute ein besonderer Dank. Sie zeigen, was unser Miteinander stark macht: Verlässlichkeit, Anteilnahme und Tatkraft.
Jede und jeder kann etwas beitragen. Prüfen wir, bevor wir einen Betrag auf Social Media teilen. Helfen wir, anstatt zu hetzen. Widersprechen wir, wo Grenzen überschritten werden – ohne selbst verletzend zu werden. Suchen wir nach Lösungen, nicht nach Schuldigen. Manchmal braucht es nur ein Gespräch am Gartenzaun, ein offenes Ohr im Bus, ein klarer Satz am Stammtisch. Es sind häufig diese kleinen Gesten, die große Wirkung entfalten.
Wenn ich mir für das neue Jahr etwas wünschen darf, dann sind das drei Dinge:
Erstens: Mehr Klarheit. Dinge klar benennen, sie nicht aufbauschen, sie nicht klein reden. Klarheit und Ehrlichkeit schafft Vertrauen – auch wenn die Botschaften nicht allen gefallen.
Zweitens: Mehr Verlässlichkeit. Zusagen halten, Grenzen erklären, Unsicheres nicht überspielen. So entsteht Orientierung in unruhigen Zeiten.
Drittens: Mehr Nähe. Im Dialog bleiben – auf dem Marktplatz, im Verein, am Werkstor, in der Schule. Wer spricht, baut Brücken, wer an der falschen Stelle schweigt, vertieft Gräben.
Eigentlich sollten das Selbstverständlichkeiten sein - für uns in der Politik und im Miteinander in unserem alltäglichen Zusammenleben. Für mich persönlich sind das Notwendigkeiten, damit unser Land - damit wir als Gesellschaft beisammenbleiben.
Ich bin deshalb überzeugt: Wir haben allen Grund zur Zuversicht. Denn wir haben Können und Kreativität, wir haben Fleiß und Fantasie. Wir haben starke Bildungsorte und lebendige Stätten der Kultur. Wir haben junge Menschen mit Ideen und Menschen mit Maß und Erfahrung, die schon so manche Situation in ihrem Leben gemeistert haben. Wir haben Forschergeist, Unternehmergeist und Bürgersinn. Wandel bleibt anspruchsvoll – aber er wird zur Chance, wenn wir ihn menschlich gestalten: gerecht, planbar, mit Rücksicht und Mut.
Auch im neuen Jahr werden wir nicht alle Konflikte lösen können. Und wir müssen uns alle zusammen darauf einstellen, dass ein gutes Stück Arbeit noch vor uns liegt. Die vielen jetzt im Bund und im Land angeschobenen Reformen werden nicht sofort die volle Wirkung entfalten, die wir uns wünschen. Nicht jede Schule wird morgen renoviert, nicht jede Brücke morgen saniert, nicht jedes Unternehmen auf dem Erfolgspfad der letzten Jahre zurückgekehrt sein.
Die Zeiten bleiben absehbar unruhig und es wird – so sehr wir uns das auch wünschen – nicht morgen wieder alles besser. Aber es kann ein Jahr des guten Miteinanders werden, wenn wir uns darauf besinnen, was uns verbindet: die Sicherheit unserer Familien, die Bildung unserer Kinder, die Achtung voreinander, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und, wenn es drauf ankommt, auch füreinander einzustehen und gemeinsam anzupacken. Bleiben wir beieinander – in den schwierigen wie in den guten Momenten. Denn gemeinsam werden wir die notwendige Kraft aufbringen, um Dinge wieder zum Guten zu drehen.
Ich wünsche Ihnen und allen, die Ihnen am Herzen liegen, Gesundheit, Frieden und Kraft. Die Gelassenheit, nicht jede Differenz zur Zerreißprobe werden zu lassen. Und den Mut, dort klar zu sein, wo es nötig ist. Gehen wir zuversichtlich in dieses neue Jahr – mit dem festen Vorsatz, mehr Gemeinsamkeit zu schaffen und der Spaltung zu widersprechen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes, friedliches neues Jahr 2026!
Ministerpräsident Olaf Lies: Die Neujahrsansprache 2026 I ndr.de

